
Der Essener Industriekonzern Thyssenkrupp befindet sich in einer kritischen Phase des Umbaus, die durch mehrere zeitlich überlappende strategische Entscheidungen geprägt ist. Im Zentrum stehen die Zukunft der Handelssparte Materials Services und die Verkaufsverhandlungen für die Stahlsparte Steel Europe mit dem indischen Konzern Jindal Steel. Diese parallelen Prozesse erhöhen die Unsicherheit bei Anlegern, was sich im Aktienkurs widerspiegelt, der in den letzten 30 Tagen um 15,30% gefallen ist und zuletzt bei 9,23 Euro notierte.
Bei Materials Services, einer Einheit mit einem Umsatz von 11,4 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2024/25 und über 15.000 Beschäftigten, steht eine zentrale Portfolio-Entscheidung an. Das Management prüft Optionen wie einen Börsengang (IPO) im Herbst 2026, eine Abspaltung oder einen vollständigen Verkauf. Entscheidend dafür ist die operative Performance im laufenden zweiten Geschäftsquartal, das Ende März endet. Ohne spürbare Verbesserungen bleibt die Richtung offen, was den Druck auf die Sparte erhöht.
Parallel laufen exklusive Gespräche mit Jindal Steel über den möglichen Verkauf von Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE). Ein Due-Diligence-Prozess ist im Gange, und wichtige Zwischenschritte wurden bereits umgesetzt, darunter ein Tarifvertrag zur Stahl-Neuausrichtung im Dezember 2025 und ein Term Sheet mit Salzgitter im Februar 2026 zur Übertragung der HKM-Anteile, die zum 1. Juni 2026 geplant ist. Diese Verhandlungen finden vor dem Hintergrund hoher Restrukturierungskosten statt; im ersten Quartal 2025/26 fielen bei Steel Europe 401 Millionen Euro an, was zu einem Nettoverlust von 334 Millionen Euro beitrug. Für das Gesamtjahr 2025/26 erwartet der Konzern einen Nettoverlust zwischen 400 und 800 Millionen Euro.
Ein weiterer Rückschlag betrifft die Dekarbonisierungsstrategie: Thyssenkrupp hat das Ausschreibungsverfahren für grünen Wasserstoff vorerst gestoppt, da die Angebote deutlich über den wirtschaftlich vertretbaren Kalkulationen lagen. Dies betrifft Pläne für eine Direct Reduction Iron (DRI)-Anlage im Duisburger Werk, die zentral für die Umstellung auf CO₂-arme Stahlproduktion ist. Trotz dieses Dämpfers hält der Konzern am Bau der Anlage fest und verweist auf Lichtblicke wie einen neuen Liefervertrag mit BMW für CO₂-reduzierten Stahl ab 2026. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Thyssenkrupp die operativen und strategischen Herausforderungen meistern kann, um den Umbau erfolgreich zu gestalten.
Deutsche Synchronsprecherinnen und -sprecher erhöhen den Druck auf Streaminganbieter wie Netflix. Hintergrund sind neue Vertragsklauseln, die es erlauben sollen, bereits aufgezeichnete Stimmen für das Training von Systemen mit Künstlicher Intelligenz (KI) zu nutzen. Nach Angaben des Verbands Deutscher Sprecher:innen (VDS) lehnen viele Künstler diese Regelungen ab und verweigern ihre Unterschrift – mit der Folge, dass erste Synchronproduktionen ins Stocken geraten.
Im Zentrum der Kritik steht die Verknüpfung von Engagement und Zustimmung zur KI-Nutzung. „Ich bin nicht bereit, das Training einer Künstlichen Intelligenz zu unterstützen“, sagte Natascha Geisler, deutsche Stimme von Jennifer Lopez, der Deutschen Presse-Agentur. Sie habe eine aktuelle Synchronarbeit für Lopez wegen der Netflix-Vertragsbedingungen abgesagt. Bei den neuen Verträgen gebe es nach ihrer Darstellung keine Möglichkeit, der Nutzung der eigenen Stimme für KI-Training zu widersprechen; die Zustimmung sei Voraussetzung für einen Auftrag.
Zusätzlichen Zündstoff liefert die Frage der Vergütung. Geisler moniert, in den Netflix-Verträgen sei „an keiner Stelle schriftlich festgehalten, dass für das KI-Training eine gesonderte Vergütung vorgesehen ist“. Beim Training würden sämtliche Facetten von Schauspiel und Intonation erfasst, damit KI-Systeme lernen können, unterschiedliche Emotionen zu imitieren. Sie wolle weder „Datenfutter“ sein noch dazu beitragen, dass ihr Berufsstand perspektivisch ersetzt werden könne, sagte die Sprecherin.
Der VDS, der ein Treffen in München mit prominenten deutschen Stimmen unter anderem von Tom Cruise, Renée Zellweger, Cameron Diaz und SpongeBob mitorganisiert hat, drängt auf klare gesetzliche Regeln für den Einsatz von KI in der Branche. Nur eine Regulierung könne aus Sicht des Verbands eine unkontrollierte und illegale Nutzung von Stimmen verhindern und die Qualität menschengemachter Kunstwerke sichern. Netflix verweist unterdessen laut einer Unternehmenssprecherin darauf, dass der Einsatz von KI im Einklang mit geltendem Recht erfolge und beruft sich auf Vereinbarungen, die der Konzern im vergangenen Sommer gemeinsam mit dem Bundesverband Schauspiel getroffen habe.